Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge. 2000

Auf den Spuren von Marx und Engels in London
Eine Fotoreportage von Rolf Hecker
  Vom 10. bis 13. April 2000 fand in der London School of Economics and Political Science die 50. Jahreskonferenz der renomierten Political Studies Association (PSA, siehe Internet: www.psa.ac.uk) statt, zu deren Programm ein Rundtischgespräch zum Thema "New MEGA: The New Definitive Collected Works of Marx and Engels" mit Mark Cowling (Teeside University), Chris Arthur (Sussex University), Terell Carver (Bristol University), Jürgen Rojahn (IISG Amsterdam), Regina Roth (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Langzeitvorhaben MEGA) und dem Berichterstatter gehörte.

 
Fünfzehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler informierten sich aus erster Hand über Editionsprinzipien und Veröffentlichungspläne der MEGA². In einem anschließenden Panel "Marx's Later Economic Thought" sprachen Roth über "Marx on Distribution: Rates of Surplus Value and Profit in the Manuscript of the 1870s" und ich zum Thema "Engels' Interpretation of Marx's Economic Theory". Die Vorträge riefen eine interessante Debatte hervor, einmal weil es um bisher unveröffentlichte Manuskripte von Marx und Engels ging, die in der II. Abteilung der MEGA² vorbereitet werden, und zum anderen, weil die Arbeitsbeziehungen zwischen Marx und Engels kritisch untersucht wurden. An letzterem entfaltete sich eine kontroverse Diskussion, an der neben den oben Genannten auch Bertell Ollman (New York) teilnahmen und deren Fazit darin bestand, dass man aus der gemeinsamen Arbeit von Marx und Engels am Kommunistischen Manifest nicht schließen kann, dass es keine erhebliche Unterschiede zwischen beiden im Verständnis der ökonomischen Theorie gegeben habe, wie sie sich vor allem in der Herausgeberschaft des 2. und 3. Bandes des Kapital durch Engels zeigen. Titelblatt der PSR-Konferenz
Die Konferenz konnte ich auch zum Meinungsaustausch mit dem Herausgeber der Studies in Marxism Mark Cowling nutzen, die er zusammen mit Filio Diamanti (Open University) und unterstützt von einem wissenschaftlichen Beirat, dem u.a. Arthur und Carver angehören, im Auftrag der Marxism Specialist Group innerhalb der PSA jährlich veröffentlicht. Bisher sind sechs Hefte im Umfang von jeweils etwa 150 Seiten erschienen. Der Themenkreis in den letzten Heften reicht von der Untersuchung verschiedener Aspekte des Kommunistischen Manifests (Nr. 4, 1997), über philosophische Probleme (Hegel und Marx, Methode beim jungen Marx, Dialektik in Nr. 5, 1998) bis zu Analysen über Marx als Politiker (Nr. 6, 1999). In einem zunehmend größeren Teil werden neue Veröffentlichungen rezensiert, zuletzt auch der MEGA²-Band IV/3 (1998) und der Band 37 der Collected Works, herausgegeben von Lawrence & Wishart, London 1998, mit Marx' Kapital, Volume III.  Mit den Studies in Marxism ist es gelungen, die Diskussionen über Marx und Engels zu bündeln und die Marx-Engels-Forschung zu bereichern. Es ist deshalb zu wünschen, daß die Studies auch über die Grenzen Großbritanniens hinaus mehr Verbreitung finden werden.
Während des Aufenthalts in London hatte ich Gelegenheit, in einigen Bibliotheken zu recherchieren und auf Marx' und Engels' Spuren zu wandern.

Libraries

Haupteingang der British Library Vor allem wollte ich alle in den Londoner Bibliotheken vorhandenen Kapital-Ausgaben einsehen, die bis 1895 erschienen waren. Deshalb besuchte ich zunächst die British Library (im Internet: www.bl.uk) in ihrem neuen Gebäude in der Euston Road, wo insgesamt zehn Exemplare der verschiedenen Auflagen und Ausgaben aller drei Bände vorhanden sind. In der University of London Library befinden sich in der Goldsmiths Collection zwei Widmungsexemplare.
Außerdem war ich auf der Suche nach von Marx benutzten Zeitungen aus den Jahren 1857/58 für die Bearbeitung von MEGA² IV/14 (Marx' Krisenhefte) in der Newspaper Library der British Library in der Colindale Avenue und konnte glücklicherweise in der Manchester Daily Times und The Manchester Guardian blättern.

Marx Memorial House

In der Marx Memorial Library (im Internet: www.marxmemoriallibrary.Sageweb.co.uk traf ich Tish Collins, die Bibliothekarin, die mich durch das frisch renovierte, und erst kürzlich mit einer Klimanlage ausgestattete Haus in 37a, Clerkenwell Green führte. Noch standen nicht alle Bücher an ihrem Platz. In freiwilliger Arbeit der Vereinsmitglieder wird wieder Ordnung geschafft. Außerdem wird ein elektronischer Bestandskatalog vorbereitet. Marx Memorial House
Titelblatt des Bulletin, No. 129, Winter 1998/Spring 1999 Zweimal jährlich erscheint das Bulletin of the Marx Memorial Library, die Nr. 129 (Winter 1998 / Spring 1999, siehe Abbildung) war dem 150. Jahrestag des Kommunistischen Manifests gewidmet, u.a. mit Aufsätzen von David McLellen, Wolfram Adolphi (Berlin) und Liao Dong (Peking).
Collins berichtete mir ausführlich über das 1738 als Wohltätigkeitsschule gebaute Haus, das Mitte des 19. Jahrhunderts als Arbeiterclub mit einer Kaffeestube diente, in der auch Treffen von Mitglieder der IAA stattfanden. Eleanor Marx war ebenso in diesem Haus aktiv, wie William Morris und später V. I. Lenin, der hier 1902/03 die Iskra herausgab. Anläßlich des 50. Todestages von Marx wurde das Haus nach ihm benannt. Anziehungsmagnet heute sind die über 20 000 Bände umfassende Spezialbibliothek zur Geschichte des Sozialismus, Marxismus und der Arbeiterbewegung und weitere über 23 000 Druckerzeugnisse (Flugblätter, Plakate, Broschüren usw.). Tish Collins im Ausstellungsraum
In der Klugmann-Collection befinden sich seltene Bücher aus der Chartistenbewegung. Leider konnte ich das Exemplar des 3. Bandes des Kapital mit einer Widmung von Engels für Samuel Moore nicht sehen, da es aufgrund der Renovierung noch gut verpackt war; dafür zeigte mir Collins Marx' Zigarrenschachtel, die ihm Engels aus Ramsgate mit einer Widmung geschickt hatte.

Stadtspaziergang

Brücke an der Chalk farm von Joseph Russel, 1838 Natürlich bummelte ich durch die mit Marx' und Engels' Aufenthalt in London verbundenen Straßen, die lebendig und interessant sind. Das sind vor allem die Dean Street im Bezirk Soho, die Regent's Park Road und die Maitland Park Road im Bezirk Kentish Town. Wenn auch die Marx' Wohnhäuser in letzterer Straße schon lange nicht mehr stehen, gibt es in den Nebenstraßen, wie z.B. Modbury Gardens und St. Ann’s Gardens, viele schmucke kleine Häuser, die aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Dean Street

Die Familie Marx bezog die Wohnung in 28, Dean Street, Ende 1850 und lebte hier bis 1856. Von hier waren es nur wenige Minuten Fußweg bis zur British Library. Eine Gedenkplakette des Greater London Council mit der Aufschrift: "Karl Marx, 1818–1883, lived here 1851–1856" ist in der oberen Hälfte des Hauses angebracht. Im Erdgeschoss befindet sich das italienische Restaurant "Quo vadis", welches mit großen Namen wirbt: Bugatti, Giacometti, Modigliani, Rossini, Leoni und Marx. Der Stadtteil Soho ist heute ein beliebter Treffpunkt und reich an historischen Pubs. 28, Dean Street

Regent's Park Road

122, Regent's Park Road Engels wohnte in 122, Regent's Park Road von 1870 bis 1894, während Familie Marx nur wenige Minuten Fußweg entfernt über die Eisenbahnbrücke an der Chalk Farm in 41, Maitland Park Road lebte. Gemeinsam spazierten sie häufig in dem vis-à-vis von Engels' Haus liegenden Regent's Park und wohl gern auf den Primerose Hill, von dem man noch heute eine unverbaute, herrliche Aussicht über London hat. An Engels' Haus, das durchaus eine Fassadenerneuerung gebrauchen könnte, befindet sich neben dem Eingang die Plakette des Greater London Council mit der Aufschrift: "Friedrich Engels, 1820–1895, Political Philosopher lived here 1870–1894".
Die Regent's Park Road ist eine beschauliche Vorortstraße mit vielen Geschäften und Cafés. Gleich neben Engels' Haus ein kleiner Buchladen, der u.a. eine spezielle Serie von Postkarten mit historischen Stadtansichten aus dieser Gegend führt. Die Buchhändlerin erklärte mir, daß die Wohnungen in dieser Gegend heute modernisiert und für normale Geldbeutel kaum erschwinglich seien, wie ich dann auch den Aushängen eines Maklerbüros wenige Schritte weiter entnehmen konnte. An der nächsten Ecke eine gut sortierte Weinhandlung, sicherlich ganz nach Engels' Geschmack. Plakatte des Greater Council
Highgate Cemetery
Highgate Cemetery Nachdem ich die Underground Station Highgate im Norden der Stadt verlassen hatte, musste ich mehrmals nach dem Weg zum berühmten Friedhof fragen, da mein Stadtplan diesen Teil Londons nicht erfasste. Auf dem Weg eröffnete sich zwischen den Villen ein schöner Blick über die Stadt. Der Spaziergang auf dem östlichen Teil des Highgate Friedhofs begann mit der Entrichtung eines kleinen Eintrittgeldes, welches die Mitglieder der Freundesgesellschaft für den Erhalt der Friedhofanlage sammeln. Ich wurde auch gefragt, ob ich Marx’ Grab fotografieren wolle, die Zustimmung dazu kostete doppeltes Eintrittsgeld (£ 2). Frisches Frühlingsgrün überdeckte viele alte, zum Teil verfallene Grabstätten, deren Restaurierung wesentlich mehr finanzielle Mittel erfordern dürfte, als der Freundeskreis zu sammeln imstande sein wird. Der Hauptweg führte mich zu Marx' Memorial, das 1956 eingeweiht wurde, nachdem das Grab um einige Meter verlegt worden war, um einen representativeren Standort zu erhalten. Nicht weit von der Grabstätte der Familie Marx entfernt soll auch das Grab für Richard Garnett, Superintendent der British Library, dem Marx 1879 ein Exemplar der französischen Ausgabe "Le Capital" widmete, zu finden sein, jedoch konnte ich es nicht entdecken.