|
Der vorliegende Band enthält neue Überlegungen zu alten, aber offenbar deswegen keineswegs als erschöpft geltenden Themen. Im Vordergrund stehen dabei zunächst Arbeiten von Marx und/oder Engels aus den 1840er Jahren, speziell zur "Deutschen Ideologie".
Das Interesse von Wissenschaftshistorikern im allgemeinen und Marx-Forschern im besonderen an Marx' und Engels' Arbeiten aus dieser Schaffensperiode - aus tendenziösen Klassifizierungsbestrebungen oft Frühschriften genannt -, vor gut, genau oder noch nicht ganz 150 Jahren verfaßt, hält offenbar an. Es gab in den letzten drei Jahren mehrere wissenschaftliche Veranstaltungen, deren Initiatoren die Gelegenheiten von Jubiläen nicht verstreichen ließen: eine Ringvorlesung an der Berliner Humboldt-Universität zu Marx' Thesen "Ad Feuerbach" (siehe: Eine angeschlagene These. Die 11. Feuerbach-These im Foyer der Humboldt-Universität zu Berlin, hg. von Volker Gerhardt, Berlin 1996: Akademie-Verlag), eine Spezialisten-Tagung der deutsch-französischen MEGA-Arbeitsgruppe am Karl-Marx-Haus Trier zu den Hauptfragen der Neuedition der "Deutschen Ideologie" (ein Heft der MEGA-Studien, hg. von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung, Amsterdam, dazu in Vorbereitung), das "Engels-International-Seminar" an der Tokyo Metropolitan University, das sich im November 1995 in seinem zweiten Teil ebenfalls mit der "Deutschen Ideolgie" befaßte (siehe Marx-Engels-Marxismus-Forschung, hg. von der Arbeitsgemeinschaft der japanischen Marx-Engels-Forscher, Nr. 27, Juni 1996 - japan.). 1998 wird Marx'/Engels' meistgedruckte Schrift "Manifest der Kommunistischen Partei" gleichfalls 150 Jahre alt sein. Auch hierzu wird es Kolloquien an verschiedenen Orten in der Welt geben. 1998 übrigens werden nach gut 150 Jahren die Feuerbach-Thesen durch die Edition des Marxschen Notizbuches von 1845 bis 1847 im MEGA²-Band IV/3 (erarbeitet am Russischen Zentrum zur Aufbewahrung und Erforschung von Dokumenten der Neuesten Geschichte Moskau) bis auf das "letzte" Komma endlich so erscheinen, wie Marx sie seinerzeit zu Papier brachte. |
|
Von etlichen Marxschen Manuskripten geht schon deshalb eine Faszination aus, weil ihr Verfasser sie, obwohl sie doch wichtige Dokumente geistiger Umbrüche darstellten, nicht veröffentlichte. Oder vielleicht gerade deshalb nicht. Es scheint, als wäre Marx immer eher daran gelegen gewesen, komplexe Resultate von Umbrüchen vorzulegen als diese selbst in ihren tastenden Abläufen festzuhalten. So schwang denn in seinen Bemerkungen über die "Deutsche Ideologie" im bekannten Vorwort zum ersten Heft von "Zur Kritik der politischen Ökonomie" (1859) auch kein Bedauern darüber mit, daß der Druck dieses Gemeinschaftsmanuskripts an - wie es heißt - "veränderten Umständen" scheiterte. Entgegen den Intentionen, sich von "deutscher Ideologie" oder "deutschen Ideologen" abzusetzen, hatte sich unterderhand das Zerpflücken von Konzepten Dritter offenbar sukzessive in die Fixierung eines eigenen Paradigmas gewandelt. "Wir", so Marx, auch für Engels sprechend, "überließen das Manuskript der nagenden Kritik der Mäuse um so williger, als wir unsern Hauptzweck erreicht hatten - Selbstverständigung" (MEW, Bd. 13, S. 10). Keine der bisherigen Editionen der "Deutschen Ideologie" - erste Teile originalsprachlich 1926 durch Rjazanov - konnte die Forschung zufriedenstellen. Deshalb wird ihrer Herausgabe in der MEGA², wie an der vorliegenden Studie unseres Seouler Kollegen Moon-Gil Chung und der von ihm reflektierten lebhaften Debatte in Japan exemplarisch abzulesen ist, mit großem Intereße entgegengesehen.
Von der authentischen Textrekonstruktion der "Deutschen Ideologie" in der MEGA² lassen sich neben anderem neue Aufschlüsse darüber erwarten, wo die "Selbstverständigung" zu zweit zu einer Art deckungsgleichem Verständnis von Marx und Engels führte und inwieweit beider "geistige Symbiose" (Gustav Mayer, 1920) die Fortexistenz zweier selbständiger Handschriften einbegriff. Die gegenwärtig in Zusammenhang mit Engels-Jubiläen (100. Todestag, zuvor 100. Jahrestag der Herausgabe des dritten Bandes des "Kapital") und konkreten Editionsprojekten wieder aufgelebte und auch in den Beiträgen geführte Debatte um wissenschaftliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Marx und Engels dürfte neue Nahrung erhalten. Im vorliegenden Band sprechen einige Aufsätze dieses Problem auch nochmals unter Aspekten der "Kapital"-Forschung an.
Noch zwei Bemerkungen in eigener Sache. Auch die Beitraäge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge sind mittlerweile in die virtuelle Welt des Internet eingetaucht. Über eine home-page zunächst (siehe Impressum) sind Informationen über alle bisherigen Bände abrufbar. Links verweisen auf verwandte Unternehmungen.
Für März 1998 haben die Herausgeber der Beiträge gemeinsam mit dem Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition e.V. (Berlin) und der Marx-Gesellschaft e.V. (Hamburg) ein internationales Kolloquium zum Thema "Geschichte und Ökonomie - ein Spannungsverhältnis in Marx' Studien" vorbereitet. Die Ergebnisse der Veranstaltung werden Gegenstand der Neuen Folge 1998 sein. Ferner ist für 1999 ein zweiter Sonderband zur Geschichte der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe in Arbeit genommen worden. |
|