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  BMEF. Neue Folge. 1996

Editorial

 

 

Am 28. Februar diesen Jahres verstarb in Paris Maximilien Rubel, der Nestor der Marxologie. Er hätte diese Rolle wohl selbst nicht als sinnvoll ausgefüllt angesehen, hätte er nicht wie viele andere auch ein besonderes Interesse an Marx' Sichten auf den Gang der Geschichte gehabt. Vor Jahren erklärte er in einem Interview: "Marx' Geschichtsverständnis, seine Theorie kritisch betrachtet, enthält eine Dimension, die religiöse Interpreten der Marxschen Lehre Eschatologie nennen, in diesem Sinne sehe ich aber keine Erlösung bei Marx; für ihn gibt es eine 'Erlösung' im Kommunismus, d.h. im Sinne einer durchaus diesseitigen Gesellschaft, wo keine materielle Not, kein unverdientes Leid, kein geistiges Elend infolge geistiger Verdummung existieren; daraus ergibt sich auch die Beantwortung der Frage des Verhältnisses von Marxschem Geschichtsverständnis und russischer Revolution." (Neues Deutschland, 31. 12. 1991.)

Rubel hat aus seiner Ablehnung des Staatssozialismus als willkürlich und unfreiheitlich nie einen Hehl gemacht und jede Verbindung zu Marxschen Intentionen abgelehnt. Sein Problem indessen, die Berufung auf Marx' Ansicht vom transitorischen Charakter der kapitalistischen Gesellschaft einerseits, die Zurückweisung aber der Berufung der praktizierenden Sozialisten auf Marx als theoretischem Faustpfand für konkrete Abläufe andererseits, hat im Marx-Diskurs eine durchgehende Rolle gespielt. Um diese Frage drehen sich auch die Hauptbeiträge des vorliegenden Hefts. Die vom orthodoxen Marxismus-Leninismus vielstrapazierte "Epoche des weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus" hat sich zur Ruhe gesetzt. Statt daß die Transformation des Kapitalismus voranschreitet, hat die Retransformation des Sozialismus stattgefunden. Dessen friedliche Selbstauflösung belebt auch wieder die Fragestellungen an Marx. War er ein irrender Geschichtsphilosoph? Hat er die Auffassung vom transitorischen Charakter des Kapitalismus seiner dialektischen Betrachtungsweise zu verdanken? Wenn Marx recht hat mit seiner These, daß eine Gesellschaftsordnung nie untergeht, bevor sie nicht alle Produktivkräfte entwickelt hat, ist dann der Sozialismus daran gescheitert, daß er seine Produktivkräfte in ein Korsett gezwängt hat, insbesondere die Produktivkraft Mensch? Wie stichhaltig ist Engels' Erklärung von 1890, daß Marx und er "für die Geschichtswissenschaft denselben Fortschritt [begründet hätten], den Darwins Theorie für die Naturwissenschaft begründet hat" (MEW, Bd. 21, S. 3)? In den nachfolgenden Aufsätzen wird Marx vielfach hinterfragt. Den Konferenz-Berichten ist zu entnehmen, daß in anderen Diskussionszusammenhängen ihm gegenüber derzeit Ansprüche geltend gemacht werden, wie sie erst heute angesichts angesprochener Abläufe formulierbar sind. Das Dogma von Marx als einem Übergeist, dem man jetzt seine Reklamationen zuschickt, ist offenbar nicht abgetragen.

 
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Unsere Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge erscheinen seit nunmehr sechs Jahren. Durchaus nicht sicher, ob ein Journal zur Marx-Engels-Forschung nach der Wende angenommen werden würde, planten wir zunächst für zwei Hefte, wobei Gedanken zu Bilanz, Chancen und Umbau der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) uns vordringlich zu sein schienen. Die ersten Hefte sind vergriffen, inzwischen finden die 650 Exemplare auch international Interesse und Absatz. Unsicherheit herrschte am Anfang auch darüber, ob sich die Beiträge zu einer Reihe mausern könnten, ob sich immer genügend Autorinnen und Autoren finden würden. Doch mit der Zahl der Leser ist auch der Kreis der aktiven Mitgestalter der Beiträge gewachsen. Mit neuen Autorinnen und Autoren kam auch die gewünschte thematische Vielfalt und kontroverse Diskussion. Viele neue Forschungsergebnisse über die Entstehung, Wirkungsmächtigkeit und Edition der Ideen von Marx und/oder Engels konnten veröffentlicht werden.

Es scheint also, daß die Beiträge im nach wie vor bestehenden internationalen Diskurs über Marx und/oder Engels ihren Platz gefunden haben. Diese Tatsache hat uns ermutigt, einen weiteren Schritt zu gehen und einige WissenschaftlerInnen einzuladen, für die weitere Profilierung der Beiträge in einem internationalen wissenschaftlichen Beirat mitzuarbeiten. Einige der Angesprochenen haben nicht nur umgehend zugesagt, sondern sind auch gleich im gemeinten Sinne tätig geworden: Sie haben Aufsätze begutachtet, uns bei der Auswahl von Autoren und Themen beraten, potentielle Nutzer auf die Beiträge aufmerksam gemacht. An dieser Stelle deshalb allen Förderern der Beiträge unseren herzlichsten Dank. Wir wünschen uns eine weitere enge Zusammenarbeit im produktiven Streit.

Für Herbst 1996 möchten wir eine weitere Neuheit unserer Reihe ankündigen, einen Sonderband. Er wird Aufsätze, Erinnerungen und Dokumentationen zur ersten MEGA und speziell zum Forscher- und Editorleben von David Rjazanov, ihrem spriritus rector, enthalten.

 
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