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War es reiner Zufall oder doch eher eine versteckte konzeptionelle Anfrage an das damals ein Jahr junge Unternehmen historisch-kritische Marx-Engels-Gesamt-Ausgabe (MEGA²)? Die internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK) rezensierte in ihrer ersten 1977er Nummer unter "Neue Literatur" einerseits die ersten beiden Bände der "Kapital"-Abteilung der MEGA (F.E. Schrader). Eröffnet hatte sie andererseits das Heft mit dem Aufsatz "'Logisch' und 'Historisch'. Über Differenzen des Marxschen und Engelsschen Systems der Wissenschaft". H.-D. Kittsteiner war hier zum Fazit gekommen, daß Engels offenbar außerstande gewesen war, Marx auf dem Wege seiner "Kritik der politischen Ökonomie" methodisch zu folgen und angemessen zu reproduzieren, vom Autor exemplifiziert an Engels' Rezension zu Heft 1 von "Zur Kritik der politischen Ökonomie" und formuliert im Bewußtsein vorangegangener, gleichgerichteter Überlegungen anderer (z.B. von H. Reichelt und H.-G. Backhaus).
Knapp zwanzig Jahre später steht die II. Abteilung der MEGA² editorisch an ihrem wohl spannendsten Punkt. Mit Band II/4.1 (1988) und II/4.2 (Frühjahr 1993, mit der Jahreszahl 1992 erschienen) ist die Serie der Erstveröffentlichungen der Marxschen Manuskripte zum II. und III. Buch des "Kapitals" eingeleitet worden. Band II/4.3 mit bislang unveröffentlichten Entwürfen von Marx zum II. und III. Buch wird folgen. Band II/14 enthält weitere noch unveröffentlichte Materialien von Marx zum III. Buch, darunter das schwierige, 132 Seiten umfassende Manuskript "Mehrwerthsrate und Profitrate mathematisch behandelt". Die Bände II/11 bis II/14 werden die in der wissenschaftlichen Diskussion völlig unbekannten Bearbeitungsmanuskripte und Druckvorlagen von Engels zum II. und III. Buch edieren. Damit ergibt sich erstmals die Möglichkeit, die Urmanuskripte mit den Texten zu konfrontieren, die Engels 1885 und 1894 als "Kapital"-Bände II und III präsentierte (siehe MEW 24 und 25),
Differenzen festzustellen und diese hinsichtlich ihrer Wirkungen auf Rezeptionsgänge zu prüfen. nicht jeden freut das. Zu sehr ist das Dogma der Einheit von Marx und Engels in die Gedankenwelt Vieler eingeschweißt, bei Marx-Anhängern wie Marx-Gegnern.
Die Edition von MEGA²-Band II/4.2 erscheint auf den ersten Blick als spektakuläres Wendeopfer. Angesichts der politischen Umbrüche und der damit verbundenen konträren, teils scharfen Diskussionen, warum Marx überhaupt noch, und wenn schon, warum dann eine Gesamtausgabe über die bisherige Werkausgabe hinaus, war zunächst nicht wahrgenommen worden, daß es sich bei der Herausgabe dieses MEGA²-Bandes mit Marx' Urmanuskript zum III. Buch des "Kapitals" um ein wissenschaftsgeschichtliches Ereignis von Rang handelte: Schon etliche Jahre vor 1894 nämlich wurde um die Rolle des III. "Kapital"-Buches gestritten, um die Konstitution des "Kapitals", um Widersprüche zwischen dem I. und III. Buch des "Kapitals", konkret u.a. um die Fragen der Verwandlung von Werten in Produktionspreise und den tendenziellen Fall der Profitrate. Für einen Neueinsteiger ist die seitdem angehäufte Literatur zum III. Buch wohl kaum noch ohne Lesehilfe zu bewältigen. Endlich nun kam nach 100 Jahren "Kapital"/Band III-Rezeption das, was Marx wirklich
geschrieben hatte. Tatsächlich allerdings war es schon 130 Jahre alt, und tatsächlich bestätigte es Munkeleien seit W. Sombarts 1894er Rezension
über Engels' wohl nicht ganz sachgerechte Rolle als Editor: es ist nicht
identisch mit dem, was von Engels ediert worden war. Die Langzeitedition
MEGA stellte damit die Langzeitdiskussion um das III. Buch erstmals und endgültig auf die authentische materiale Basis. Von ihr aus kann der tatsächliche Ausarbeitungsstand des Marxschen Hauptwerks ermittelt werden, kann solide nach wechselnden Intentionen und neuen theoretischen Ansätzen bei Marx gegraben werden, gelingt ganz sicher wenigstens die partielle Entschlüsselung jener nach L. Althusser "dunklen Stellen". |
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Trotz komplizierter Bedingungen in die wissenschaftliche Zirkulation zu kommen, wächst langsam die Zahl der Autoren, die die neue Materiallage als wissenschaftliche Herausforderung annehmen und sich um eine differenzierte Analyse des III. Buches bemühen. Dazu gehören Beiträge im vorliegenden Heft. Sie setzen auf ältere Problemstellungen neue Akzente und stellen aufgrund der Materiallage neue Fragen. Marx' Urmanuskript von 1864/65 im MEGA²-Band II/4.2 war 1994 Gegenstand verschiedener wissenschaftlicher Diskussionen und Foren unterschiedlicher Wertigkeit. Direkter Gewinn für die laufende Editionsprojekte der "Kapital"-Abteilung dürfte sich aus dem Internationalen "Kapital"-Seminar in Tokio (November 1994) ergeben (siehe vorliegende Beiträge und unseren Bericht S. 185-189). Japanische Marx-Engels-Forscher haben sich seit Jahren um die Rekonstruktion der ökonomischen Theorie von Marx verdient gemacht.
Beim Vergleich Druckfassung-Urmanuskript kommt man zwangsläufig auf Engels' Rolle als Editor zu sprechen. War Engels, und damit schließen wir den Kreis zum IWK-Heft, in der Lage, Marx angemessen zu reproduzieren? Dazu liegt inzwischen eine erste, größere Untersuchung in den MEGA-Studien 1994/2 von MEGA-Editoren (C.-E. Vollgraf/J. Jungnickel) vor. Die sich herausstellende theoretischen Differenzen sprechen weniger gegen Engels, sondern eher für das Manko, daß die Marx gegenüber eigenständigen philosophischen, ökonomischen und politischen Positionen von Engels nach wie vor viel zu wenig erforscht und artikuliert sind. Das Quellenmaterial jedenfalls, inzwischen sind rund fünfzig MEGA-Bände erschienen, böte dafür viele neue Ansatzpunkte.
Deutlich wird bei allem, daß sich ernsthafte Diskussionen um das III. Buch des Kapitals nicht mehr anhand von MEW-Band 25 sondern nur noch in subtiler Kenntnis des MEGA-Bandes II/4.2 führen lassen. Das Unternehmen einer Marx-Engels-Gesamt-Ausgabe kann also nur für den politisch tendenziösen Betrachter in Frage stehen, bietet doch die MEGA das, was man von ihr verlangt, die Bewertung der Position von Marx und von Engels auf authentischer Materialbasis, im historischen Kontext, aber auch im individuellen. Die beiden letzten Aspekte hätten der MEGA unter den bekannten ideologischen Zwängen der Vorwendezeit erhebliche Probleme bereitet, speziell bei der Edition von Engels' Fassungen zu den Materialien zum II. und III. Buch des "Kapitals".
Im vorangegangenen Heft der Beiträge zur Marx-Engels-Forschung wurde ein Sonderheft zum 100jährigen Erscheinen der Materialien des III. Buches des "Kapitals" angekündigt. Das war zeitlich von der Redaktion nicht zu bewältigen. Viele Autoren haben sich aber für unser Vorhaben interessiert. So hat der Inhalt dieses Hefts den des geplanten Sonderhefts eher noch übertroffen.
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